Impressionen
Erstes Konzert
Wie kam es zum ersten Konzert des Choriner Musiksommers am 23. Mai 1964?
Eigentlich war es nichts weiter als ein Versuch einer betrieblichen Kulturinitiative,
um für die Mitarbeiter des Institutes für Forstwissenschaften
in Eberswalde eine Musikveranstaltung zu organisieren - so, wie man
Film- und Vortragsveranstaltungen vorbereitet. Der damalige Direktor
des Institutes, Prof. Dr. Albert Richter, hatte dem Verfasser dieses
Beitrages den Auftrag zur Bereicherung des Kulturlebens im Institut
erteilt.
Als günstige Voraussetzung erwies sich, dass
die Forstwirtschaft seit 1861 Rechtsträger der Klosterruine war.
Wir
konnten so im "eigenen
Hause" Kulturveranstaltungen vorbereiten, wie wir sie für gut
und richtig hielten. Die Akustik der einseitig offenen Kirchenruine war
unerwartet gut. Als besondere Reize dieses "Konzertsaales" erwiesen
sich die eindrucksvolle Architektur eines Zisterzienserklosters mit seinem
originellen Ruinencharakter, die liebenswerte landschaftliche Umgebung
des Choriner Endmoränenbogens, sowie die ganz besondere Konzertatmosphäre:
Im Kirchenschiff gleicht sie der Strenge eines Konzertsaales, auf dem
Klosterhof entsteht der Eindruck einer gelösten, populären
Freilichtveranstaltung. Ein Journalist kennzeichnete dies mit den Worten:
"Es ist etwas Besonderes, etwas Einmaliges um diese Konzerte an
dieser Stätte,
eine woanders nie oder höchst selten erlebbare Verknüpfung
der scheinbar 'erhabenen ernsten Musik' mit heiterer Entspannung...
Trotz
oft drangvoller Enge erlebt hier jeder einzelne die Musik auf ganz individuelle
Art. Es sind Konzertgenüsse in auch äußerlich
sichtbarer privater Weise und dazu bester Gesellschaft." Oder man
schrieb: "Wer noch nie in einem Konzert war, kommt vielleicht dort
auf den Geschmack. Wie schon viele zuvor. Von der großen Wiese
kann man auch unauffällig vor Schluß verschwinden. Aber das
macht keiner. so schön ist es dort."
Die Nähe von Berlin
Auch die Nähe von Berlin konnte mit Erfolg genutzt werden, um Ensembles und Solisten nach Chorin zu bekommen, die eine Garantie für musikalisch Hochwertiges waren. Die besonderen Verdienste des Erben-Quartetts und des Berliner Sinfonie-Orchesters bei der Entwicklung des Musiksommers waren ihre Bereitschaft, die Risiken der Veranstalter mitzutragen und als Pioniere mitzuwirken.
Veranstalter
Wer waren und sind diese Veranstalter? Es waren und sind noch ausschließlich ehrenamtliche Mitarbeiter aus dem früheren Institut für Forstwissenschaften Eberswalde. Aus dem Forstinstitut waren es Amateure - im Hauptberuf Forstwissenschaftler, Facharbeiter, Arbeiter, technische Angestellte. Jahrelange harte und auch aufregende Arbeit nahmen die Veranstalter auf sich, um dreierlei zu erreichen: Konsequente Einhaltung hoher musikalischer Interpretationsqualität, anziehende Programme und einem ständig besser werdenden technisch-organisatorischen Hintergrund. Alles kann heute als weitgehend gelungen betrachtet werden.
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In
der ersten Konzertphase von 1964-1969 war es jährlich nur ein
Konzert des Erben-Quartetts bzw. Berliner Sinfonie-Orchesters, das reichlich
600 Besucher pro Konzert nach Chorin zog.
Von 1970-1973 wurden es maximal
vier Konzerte pro Saison mit bereits durchschnittlich 1.300 Besuchern.
Das Berliner Sinfonie-Orchester blieb
Stammorchester, das Philharmonische Orchester Frankfurt(Oder) wurde Stammorchester.
Danach
hatte sich der Choriner Musiksommer einen solchen Ruf erarbeitet, daß viele Ensembles, Dirigenten und Solisten aus dem In- und Ausland
den Auftritt in Chorin suchten. Sie seien noch einmal genannt:
- Staatskapelle Berlin
- Staatskapelle Dresden mit Chor der Semperoper
- Kreuzchor Dresden
- Thomanerchor Leipzig
- Rundfunksinfonieorchster Berlin
- Brandenburgisches Kammerorchester Berlin
- Jenaer Philharmonie
- Jugendorchester Weimar
- Kammerharmonie Dresden
- Kammerorchester Sinfonietta Berlin
- Kammerorchester "C. Ph. E. Bach" der Staatsoper Berlin
- Konzerthausorchester Berlin (ehemals Berliner Sinfonie-Orchester)
- Rundfunkjugendchor Wernigerode/Harz
- Violinenensemble des Bolschoi Theaters Moskau
- Chor des Bolschoi Theaters Moskau
- Chor der Karls-Universität Prag
- Chor der Lettischen SSR
- Finnischer Knabenchor " Cantore minores"
- Madrigalchor Klagenfurt aus Österreich
- Philharmonie Lodz
- Philharmonischer Chor aus Kattowice
- Rajko-Ensemble aus Ungarn
Die Zahl der Besucher stieg auf durchschnittlich 2.100 Personen pro Konzert, damit waren Kirchenschiff und Konzertrasen stets ausverkauft. Von 1974-1989 gab es bis zu 13 Konzerte pro Sommer, das führt 1989 zu einer Gesamtzahl von 162 Konzerten mit insgesamt über 300.000 Besuchern. Kein Konzert fiel wegen schlechten Wetters - und das gab es oft - völlig aus.
Politische Wende
Eine besondere Herausforderung an die Organisatoren
der Choriner Konzerte kam mit der politischen Wende 1989. Bis zu diesem
Zeitpunkt waren die
Arbeiten für den Choriner Musiksommer unter dem Dach der gewerkschaftlichen
Kulturarbeit des Institutes für Forstwissenschaften Eberswalde gelaufen
und im Bedarfsfall gefördert. Dieses Institut wurde aufgelöst.
Es bildeten sich mehrere neue Einrichtungen für forstliche Lehre
und Forschung, die als Träger des Musiksommers nicht mehr fungieren
konnten.
Der Autor dieses Beitrages engagierte sich für die neu zu gründende
Fachhochschule Eberswalde und es gelang, in lockerer Anbindung an diese
Hochschule die Musiksommeraktivitäten ehrenamtlich fortzuführen.
Die bisherigen Mitarbeiter waren dazu bereit. Es galt aber, sich den
neuen Strukturen von Kulturveranstaltungen im vereinigten Deutschland
anzupassen. Das betraf insbesondere die veränderte technische und
finanzielle Handhabung, wenn man die Konzertreihe fortführen und
damit über die Wende hinwegretten wollte.
Sponsoring
Der Begriff des "Sponsoring" musste erschlossen und praktiziert werden, und das gelang. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg stellte im Interesse der Fortführung dieser traditionellen Musikreihe jährlich Fördermittel zur Verfügung. An privaten Sponsoren und Förderern konnten im Laufe der letzten Jahre gewonnen werden:
- Allianz AG
- Dresdner Bank
- Ostdeutsche Sparkassenstiftung
- Sparkasse Barnim
- Feuersozietät / Öffentliche Leben
- Stadtwerke Eberswalde GmbH
- EWE Stiftung Oldenburg
und viele andere Unterstützungen in kleinen Dimensionen,
die uns weiterhalfen, die stark gestiegenen technischen Kosten und Honorare
des
Nachwende - Konzertbetriebes aufzufangen.
Das ist gelungen und hat uns
ermöglicht, die Eintrittspreise für
unsere Konzerte auf einem relativ geringen Niveau zuhalten und für
alle interessierten Konzertbesucher, die über nur eingeschränkte
finanzielle Möglichkeiten nach der Wende verfügten, keine Preisbarrieren
für den Konzertbesuch aufzubauen. Da alle Mitarbeiter des Choriner
Musiksommers ehrenamtlich arbeiten, entstehen relativ geringe organisatorische
Kosten im Personalbereich, und es ist gelungen, ohne Defizit über
die Jahre der Wende zu kommen. wir werten das als einen wichtigen Erfolg.
Zwei Drittel aller Kosten können aus Einnahmen gedeckt werden, eine
ganz wichtige Grundlage für den Fortbestand des Musiksommers!
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Wir haben allerdings Wert darauf gelegt, den besonderen, einfachen Charakter dieser Musikveranstaltung beizubehalten, keine aufwendige Technik, Komfort oder dergleichen neu einzuführen und auch Werbung und Kommerz herauszuhalten. Damit sind wir bei unserem Publikum weiterhin sehr gut angekommen. Es strömt inzwischen aus vielen Richtungen nach Chorin, natürlich besonders aus dem früheren West-Berlin, aber auch aus vielen anderen alten Bundesländern und dem westlichen Ausland, von wo aus der Weg nach Chorin in früheren Zeiten nicht ganz so einfach war. Die Choriner Konzerte sind damit auch zu einem Modellfall der gelungenen deutschen Einheit geworden, denn hier ist zusammengewachsen, was zusammmen gehört.
Gleiches ist auch bezüglich der Klangkörper zu berichten, die jetzt, ebenso wie die Solisten und Dirigenten, aus allen deutschen Bundesländern und der internationalen Musikszene kommen. Lassen wir die Klangkörper seit 1990 an uns vorbeiziehen, stoßen wir auf folgende Namen:
- Berliner Sinfonieorchester und Staatsorchester Frankfurt(Oder) sowie das Rundfunk-Orchester Berlin, als erhalten gebliebene Stammorchester
- die Berliner Symphoniker, als neues Stammorchester aus dem früheren West-Berlin
An weiteren Klangkörpern begrüßten wir in den vergangenen Jahren:
- Dresden Kapellsolisten - fast schon ein Stammorchster
- Regensburger Domspatzen
- Kammersolisten Bratislava
- Orchester der Deutschen Oper Berlin
- Gustav-Mahler-Jugendorchester Wien
- Prager Symphoniker
- Polnische Kammerphilharmonie
- Chor der St. Hedwigs-Kathedrale Berlin
- Philharmonischer Chor Berlin
- Neues Kammerorchester Berlin
- Sächsisch-Anhaltische Hofmusik
- Israel camerata
- Sinfonietta Cracovia
- Bachorchester Gewandhaus Leipzig
- Kammeroper Schloß Rheinsberg
- St. Petersburger Kammerorchester und -chor
- Chicago Chamber Orchestra
- European Community Youth Orchestra
- Schleswig-Holstein Musik Festival Orchester
- Camerata musica
- RIAS Kammerchor
Die Namen der prominenten Dirigenten und Solisten
noch aufzuführen,
würde den Rahmen sprengen.
Der Choriner Musiksommer konnte also völlig ungebrochen in das geeinte
Deutschland überführt werden und kann heute, nach 42 Jahren,
auf eine Gesamtbesucherzahl von rund 650.000 Gästen zurückblicken.
Trägerschaft
Eine Besonderheit in der historischen Entwicklung
muss noch erwähnt
werden. Seit 1861 war das Forstamt Chorin mit seinem Forstamtsleiter
und einem Ruinenwärter für die Klosterverwaltung verantwortlich.
Die Forstverwaltung war somit seit 1964 Partner des Choriner Musiksommers.
Diese Zusammenarbeit war stets problemlos und wichtig für das technische
Gelingen des Ganzen. Viele Namen wären hier zu nennen - sie aufzuzählen,
würde ebenfalls zu weit führen. Für die Verwendung von
Fördermitteln
war aber dieser Träger leider ungeeignet, da er einer Anstalt des Öffentlichen
Rechts angehört.
Aus diesem Grunde wurde 1997 die Trägerschaft
an das Amt Britz-Chorin, die dazugehörige Kommune, übertragen,
und seitdem standen beachtliche Fördermittel bereit, um die Infrastruktur
des Klosters für seine Besucher deutlich zu verbessern. Man sieht
es an den geleisteten Bauarbeiten am ehemaligen Wirtschaftshof, in den
alten Wirtschaftsräumen
der Choriner Domäne, wo ein neuer Eingangsbereich, neue Verwaltungsräume,
ein Museumbereich und ein neuer Sanitärbereich u.a.m eingerichtet
werden. Dies kommt auch dem Ablauf der Konzertveranstaltung zugute. Die
Veranstalter des Choriner Musiksommers sind sich sicher, mit diesem neuen
Vertragspartner eine weitere gute und möglicherweise
erweiterte Zusammenarbeit zu pflegen, da hier die Trumpfkarte "Tourismus
in der Region" gespielt wird.
In diesem Sinne wünschen wir allen Musikhörern, Künstlern, Ensembles und den Mitwirkenden des Veranstalters ein gutes Miteinander in diesem wunderbaren Konzertort Chorin.
Prof. Dr. Gunther Wolff
Ehrenvorsitzender des Choriner Musiksommers e.V.
Anfahrtsbeschreibung zum Kloster Chorin
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